Digital is not a software. It's a mindset!

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„Digitalisierung“, „digitale Transformation“, „Digital Leadership“ etc. – kein Tag vergeht ohne neue Meinungen, Artikel, Bücher, Konferenzen und jeder Menge Buzzwords zu den neuen Dimensionen, Möglichkeiten oder Gefahren einer zunehmend vernetzten Welt. Ist das wirklich die digitale Transformation, von der alle reden?

Eine exakte Definition zur Orientierung gibt es nicht, dafür eine Vielzahl an neuen Technologien. Die Digitalisierung bietet unendlich viele Möglichkeiten und Tools, aber man muss sich erst einmal mit ihnen auseinanderzusetzen und die Aufgabenliste wird quasi jeden Tag länger. Das kostet vor allem eins: Zeit und die ist knapp in Zeiten, in denen sich alles rasend schnell ändert. Die digitale Transformation ist überall spürbar, sie bietet viele Chancen und wirft gleichzeitig Fragen auf:

  • Was bedeutet es wirklich, in einer „digitalisierten“ Welt zu leben und zu wirtschaften?
  • Welcher Weg ist der richtige für mein Unternehmen und mich?
  • Wie lassen sich in bestehenden Strukturen neue Geschäftsmodelle und Arbeitsformen als Antworten auf die Digitalisierung entwickeln?
  • Wie kann ich meine Mitarbeiter motivieren und ihnen die Angst vor der digitalen Transformation nehmen – wenn ich als Unternehmer oder Führungskraft selbst nicht weiß, was der richtige Weg ist?
  • Wie kann ich mir und meinen Leuten Sicherheit in Zeiten eines fundamentalen Umbruchs vermitteln?
  • Will ich Mitarbeiter die nur „Teile“ eines digitalen Prozesses sind oder Mitarbeiter, die mit digitalisierten Prozessen umgehen können?
  • usw.

Die Digitalisierung ist vor allem eins: sie ist von Hypes und Ängsten dominiert. Denn mit jeder weiteren Stimme, mit jeder weiteren digitalen Strategie wird es zugleich immer schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen und diese Fragen zu beantworten.

Einen standardisierten „Königsweg“ und eine universelle Blaupause gibt es für dieses komplexe Phänomen unserer Zeit jedenfalls nicht. Viele Unternehmer wussten bisher immer glasklar, wo sie mit ihrer Firma hin wollen, aber nun beschleicht sie häufig das Gefühl: Ich weiß nicht, welcher Weg der richtige ist. Und obwohl die wachsende Bedeutung des Themas erkannt wird, bekommt die digitale Transformation im Unternehmensalltag noch nicht den entsprechenden Stellenwert, den sie benötigen würde:

Lediglich sechs Prozent der befragten Top-Manager in Deutschland betrachten die digitale Transformation in ihrem Unternehmen als wichtigstes Thema. Und das, obwohl der Stellenwert und die Wertschöpfung der digitalen Transformation in den letzten 12 Monaten ihrer Meinung nach deutlich gestiegen sei. ... Interessant ist, dass dabei die internen Widerstände die digitale Transformation mit Abstand am stärksten behindern. Die häufigste Schwierigkeit sehen die Befragten in der starren Verteidigung bestehender Unternehmens-Strukturen (65 Prozent) – je größer die Unternehmen, desto häufiger kommt dieses Problem auf.
— Mangelnde Entschlossenheit in Chefetagen bedroht Digitale Transformation – etventure & GfK Nürnberg, 2016

Diese Paradoxie und Passivität lähmt nicht nur die Transformation, sondern macht die Unternehmen zunehmend angreifbar.

Was ist das „Wesen“ der Digitalisierung?

Sie bedeutet eine Zukunftsausrichtung, die fundamental im Hier und Jetzt verankert ist und sich auch radikal am Jetzt ausrichtet:

Wenn Zukunft eine Perspektive ist, dann sollte man in der Gegenwart damit beginnen, sie zu gestalten.
— Francis Bacon

Jede vermeintliche Abkürzung macht den Weg hin zu echter Erkenntnis und Veränderung paradoxerweise nur noch länger und beschwerlicher. Denn es geht eben nicht darum, ein paar weitere Buzzwords aufzuschnappen oder zu kreieren und die digitale Hysterie noch weiter anzufeuern.

Wer sein Unternehmen auf Digitalisierung „einstellen“ will, hat es nicht mit Technik zu tun, sondern mit mentalen Strukturen, die einen Umgang mit komplexen Systemen erlauben. Und dieser Richtungswechsel beginnt im eigenen Kopf. Und er ist vor allem eins: menschlich und nicht technisch. Denn nur der Mensch ist in der Lage, den Dingen einen Sinn (-zusammenhang) zu geben, den kein Algorithmus leisten kann – die vielleicht wichtigste Einsicht dafür, dass „digitale Transformation“ – anders als es die Bezeichnung suggeriert – nicht primär mit Technologie und IT, mit organisatorischen Aufgaben oder Funktionsbeschreibungen zu tun hat:

New technology is common, new thinking is rare.
— Sir Peter Blake

Wie also auf den „digitalen Umbruch“ reagieren?

Um die Muster und Möglichkeiten der Digitalisierung erkennen und nutzen zu können, braucht es einen mentalen Reboot. Ein Mindset, das die Funktionsweisen der Digitalisierung erschließt. Denn erst auf Basis einer solchen mentalen und kognitiven Neuausrichtung lassen sich die Herausforderungen der Digitalisierung so meistern, dass sie auch eine echte Zukunftsperspektive haben. Auch dafür gibt es keine Blaupause – alle Unternehmen betreten hier in der Regel Neuland.

Unternehmer sind in gewissem Sinne Architekten. Sie gestalten die Architektur ihres Unternehmens. Freilich gibt es offenkundige Unterschiede: Der Unternehmensarchitekt muss das neue Fundament schon zu einem Zeitpunkt legen, da das alte Fundament noch zu tragen scheint. Sie müssen den Grundriss ihres Unternehmens völlig umgestalten, obwohl sich die Bewohner dagegen wehren ... und sich über den durch die Baustelle erzeugten Lärm beschweren.
— Bolko von Oettinger, Hänsel und Gretel und die Kuba Krise

Ein weiteres typisches Phänomen ist die häufige aktionistische Reaktion und der Versuch Silicon Valley nachzueifern bzw. zu kopieren, d.h. an den Rändern der etablierten Unternehmen entstehen „Sonderwirtschaftszonen“ gerne gelabelt als ThinkTank, Innovationlab o.ä. - im Grunde nichts anderes als ein bewusster oder unbewusster Versuch, die bestehende Unternehmenskultur nicht zu stören bzw. zu umgehen. Damit haben diese ausgelagerten „Unternehmensinseln“ per Definition schon ein Reputationsproblem. Das "alte Immunsystem" des Unternehmens wird immer versuchen, das "Neue" als "Störung" wahrnehmen und mit einer abstoßenden Immunreaktion, sprich Widerstand bspw. in Form von bürokratischen Hürden, reagieren.

Der unausweichliche massive Systemwandel muss innerhalb der bestehenden Firmenstrukturen und im Rahmen der gewachsenen Sozialbeziehungen gestaltet werden. Er muss da ansetzen, „wo es brennt“, an konkreten Baustellen, die die Beschäftigten selbst identifiziert haben. Es ist wichtig, dass notwendige Lernprozesse nicht – wie oft in den Firmen vereinzelt und situativ stattfinden, sondern – nicht zuletzt durch die professionelle Begleitung – systematisch ablaufen und so die Gestaltungskompetenz aller Beteiligten wächst. Denn am Ende geht es nicht um eine digitale Transformation als selbsterfüllende Prophezeiung, sondern um eine Transformation des Unternehmens zu einer kontinuierlich „lernenden Organisation“.

In diesem Sinne: Wie konsequent wollen Sie sein?

Birgit Käsbeck